Faial empfängt uns mit einer kurzen, leicht bewegten Überfahrt von Pico – und mit diesem Blick zurück auf den Vulkan, der uns schon auf der Nachbarinsel begleitet hat. Vielleicht sieht man den Pico nirgends schöner als von Faial aus: über den Hafen von Horta hinweg, im Abendlicht, zwischen Segelbooten, bemalten Mauern und Atlantikluft.
Doch Faial ist mehr als die Insel mit der besten Aussicht auf den Pico. Am Capelinhos wird die jüngste Vulkangeschichte der Azoren sichtbar und fast greifbar, während die Umwanderung der Caldeira zeigt, welche Kräfte diese Landschaft geformt haben. Und dann ist da Horta, das eigentliche Herz der Insel: weltoffen, maritim und lebendiger als viele andere Orte unserer Reise.
Unsere Azorenroute im April: São Miguel — São Jorge — Pico — Faial — São Miguel
Mit der Fähre von Pico nach Horta
Unsere Fähre nach Faial ist ein kleineres Schiff. Wir nehmen auf den Stühlen im Aussenbereich des Hecks Platz. Inzwischen hat es aufgehört zu regnen, doch das Meer ist alles andere als ruhig. Die Schaumkronen auf den Wellen lassen bereits erkennen, dass es keine ganz glatte Fahrt wird.
Aber es sind nur rund 25 Minuten bis nach Horta, unserer nächsten Destination. Und ja, das Boot rollt immer wieder von einer Seite zur anderen, aber es hält sich in Grenzen. Mit festem Blick auf den Horizont kann sogar ich diese Fährfahrt geniessen. Zumindest deutlich mehr als die Überfahrt von San Jorge nach Pico.
Unsere Unterkunft bei Horta
Vom Fährhafen fahren wir direkt zu unserer Airbnb-Unterkunft in der Gemeinde Conceição, nur wenige Fahrminuten von Horta entfernt. Wir werden bereits erwartet, und was wir sehen, gefällt uns sofort. Die Lage ist hervorragend, die Aussicht ebenso.
Nach den eher abgelegenen Unterkünften der letzten Tage fühlt sich das angenehm unkompliziert an. Man ist schnell in der Stadt, hat trotzdem Weite vor sich und merkt rasch: Faial wird uns den Alltag etwas einfacher machen.
Capelinhos: Faials junge Vulkanlandschaft
Unser erster Ausflug führt uns ans andere Ende der Insel, zum Capelinhos-Vulkan. Er entstand erst durch den Ausbruch von 1957/58 und erweiterte Faial damals um ein Stück Neuland.
Der verlassene Leuchtturm steht heute inmitten dieser grauen Aschelandschaft und wirkt fast wie ein Mahnmal. Es ist eindrücklich zu sehen, welche Kraft dieser Ausbruch gehabt haben muss. Wir laufen ein Stück hinauf, und von dort oben wirkt die ganze Szenerie noch surrealer: grau, karg, offen, beinahe mondartig. Der kleine Effort lohnt sich.
Ebenfalls empfehlenswert ist das Interpretationszentrum. Die Ausstellung ist empfehlenswert und vermittelt eindrücklich, wie dramatisch sich der Ausbruch von 1957/58 auf Faial ausgewirkt hat.
Caldeira do Faial: einmal rund um den Krater
Für den heutigen Tag haben wir eine Wanderung geplant. Das Wetter ist perfekt: Sonne, wenig Wind und endlich einmal Bedingungen, bei denen man nicht zuerst das Regenradar befragen muss.
Wir erreichen den Parkplatz bei der Caldeira do Faial, der bereits gut besetzt ist. Also parkieren wir am Strassenrand. Am Startpunkt, der zugleich auch Aussichtspunkt ist, stehen wir am Rand dieses gewaltigen, rund zwei Kilometer breiten Kraters. Steil fallen die dicht bewachsenen Hänge zum Kratergrund ab. Schon dieser erste Blick ist eindrücklich.
Der Kraterrand zeigt Zähne
Der Wanderweg führt entlang der Kraterkrete. Wir laufen los – und merken bald, dass es nicht ganz so gemütlich wird, wie wir es uns vielleicht vorgestellt hatten. Das erste Drittel geht steil bergauf. Der Weg ist zerklüftet, nass und matschig.
Spätestens jetzt bereue ich, dass ich nicht die richtigen Wanderschuhe eingepackt habe, sondern nur meine leichten, knöchelfreien Schuhe trage. Lotti ist da deutlich besser unterwegs. Als ich dann auch noch in ein Schlammloch trete und den Schuh tropfnass wieder herausziehe, reisst mir kurz der Nerv. Dass Lotti davon nicht begeistert ist, ist verständlich.
Wir machen eine Pause. Ich drücke innerlich den Reset-Knopf. Nach einem Snickers geht es weiter.
Wenn der Krater wieder versöhnt
Nachdem wir etwa ein Drittel der Strecke hinter uns haben, wird der Wanderweg deutlich einfacher. Das versöhnt mich mit der Caldeira do Faial – und endlich bleibt auch wieder Raum für den Blick.
Während wir weiter entlang des Kraterrands gehen, wird einem bewusst, welche Kräfte hier einmal gewirkt haben müssen. Dieser riesige Kessel, die steilen grünen Wände, die Tiefe in der Mitte – irgendwie unvorstellbar. Man kann es geologisch erklären, aber wirklich begreifen lässt es sich nur schwer.
Müde, aber zufrieden erreichen wir schliesslich unseren Mietwagen und machen uns auf den Weg zurück zum Airbnb.
Horta am Abend: Gin, Hafenbilder und Blick auf Pico
Peter Café Sport: Atlantikluft im Glas
Auf Empfehlung wollen wir heute Abend im Restaurant Atlético essen. Vorher zieht es uns aber ins Peter Café Sport, einen der bekanntesten Treffpunkte der Atlantiksegler. Hier wollen wir den viel gerühmten Gin Tonic probieren – oder besser gesagt: verstehen, weshalb dieser Ort für so viele Segler fast schon ein fester Bestandteil der Atlantikroute ist.
Seit Generationen kommen hier Crews aus aller Welt zusammen, bevor oder nachdem sie den Ozean überquert haben. Und ja, man spürt schnell: Horta ist anders. Offener, maritimer, etwas weltläufiger als die Orte, die wir auf den anderen Inseln erlebt haben. Vom Hafen aus hat man zudem diesen wunderbaren Blick hinüber zum Vulkan Pico – eine Kulisse, die uns kaum loslässt.
Auf dem Weg zum Peter Café treffen wir auf eine Gruppe Jugendlicher, die mit einem Schulsegelschiff mehrere Monate auf See unterwegs ist – eine Art segelndes Klassenzimmer. Statt im normalen Schulzimmer lernen sie während rund sieben Monaten an Bord, zwischen Unterricht, Wachdienst und Alltag auf dem Meer.
Die dreiunddreissigste Fahrt dieses Schiffes verewigen sie mit einem Gemälde auf dem Pier, wie es viele andere Schiffsbesatzungen ebenfalls tun. Hunderte solcher Bilder verzieren Wände und Hafenmauern: manche schlicht, andere kleine Kunstwerke. Es ist einer dieser Orte, an denen man merkt, dass Durchreisen auch Spuren hinterlassen kann.
Wir ergattern einen Aussentisch und geniessen Gin und Pico-Sicht. Und ja: Peter’s Gin do Mar, eine Mischung aus Gin und Maracuja-Likör, ist tatsächlich nicht zu verachten.
Restaurant Atlético: Horta zeigt Betrieb
Danach machen wir uns auf den Weg zum Restaurant Atlético. Es scheint wirklich einen guten Ruf zu haben; einige Reisegruppen sitzen bereits an den Tischen. Obwohl wir nicht reserviert haben, bekommen wir noch einen Platz im Aussenbereich. Das ist uns recht, denn innen geht es bereits ziemlich laut zu.
Gäste treffen nun im Minutentakt ein, und wenig später ist das Restaurant voll. Für uns ist das eher ungewohnt. Bisher hatten wir – abgesehen vom Sushi-Restaurant auf Pico – kaum Mühe, spontan einen Tisch zu finden.
Aber Faial, und Horta im Besonderen, scheint ein eigener Magnet zu sein. Hier verdichtet sich vieles, was diese Insel ausmacht: Hafen, Segler, Reisende, Abendlicht, Betrieb – und immer wieder dieser Blick hinüber nach Pico.
Letzter Tag auf Faial: Horta, Levada Trail und eine unerwartete Benzinsuche
Zurück an den Hafen von Horta
Das Wetter hat wieder gekehrt. Regen und Sonne wechseln sich ab, und wir nehmen es entsprechend gemütlich. Am Morgen fahren wir nochmals nach Horta. Mit den Jugendlichen vom Schulsegelschiff habe ich abgemacht, sie zu filmen, während sie ihr Gemälde auf dem Pier vollenden.
Es ist ein schöner Moment: junge Menschen auf langer Reise, ein Schiff im Hafen, Farbe auf Beton und diese besondere Tradition, sich in Horta mit einem Bild zu verewigen. Man versteht hier gut, weshalb dieser Hafen für Atlantiksegler mehr ist als nur ein Zwischenstopp.
Levada Trail: grün, aber nicht ursprünglich
Anschliessend fahren wir in den Westen der Insel. Geplant ist eine Wanderung auf dem Levada Trail. Nach kurzer Zeit brechen wir jedoch ab. Entlang der Wasserkanäle zu wandern, finden wir nicht besonders attraktiv.
Dazu kommt, dass die japanischen Sicheltannen, einst eingeführt, heute grosse Teile der Landschaft prägen. Das macht den Weg für uns auch ökologisch ambivalent: Grün ist hier nicht automatisch gleich ursprünglich. Auffallend ist zudem, dass wir keinen einzigen Vogel singen hören. Für uns reicht das, um umzudrehen.
Abschiedsabend im Peter Café Sport
Am Abend zieht es uns nochmals nach Horta, ins Peter Café Sport. Für unser Abschiedsessen von Faial möchten wir noch einmal diesen Blick geniessen: über den Hafen, über die bemalten Mauern und hinüber zum majestätischen Pico.
Es ist ein passender letzter Abend auf der Insel. Nicht spektakulär, aber stimmig – mit Hafenluft, Atlantikgeschichten und dem Gefühl, an einem Ort zu sitzen, an dem viele Reisen kurz innehalten.
Benzinsuche vor dem Abflug
Unser Flug nach Ponta Delgada geht erst nach Mittag. Wir nehmen es gemütlich – bis zu dem Moment, in dem wir an der ersten Tankstelle einen Informationszettel sehen: kein Benzin mehr.
Wir schauen uns an. Etwas seltsam ist das schon. Also fahren wir zur nächsten Tankstelle – gleiche Situation. Erst bei einer weiteren sehen wir, dass es dort offenbar noch Benzin gibt, allerdings auch eine lange Schlange wartender Autos. Nun sind wir doch etwas irritiert.
Lotti recherchiert im Netz und findet den Grund: Hamsterkäufe, weil der Benzinpreis am nächsten Tag um 30 oder 40 Cent steigen soll. Nun gut. Ich erinnere mich an eine Tankstelle in der Nähe des Flughafens. Dort können wir schliesslich tanken und wenig später den Mietwagen abgeben.
Zurück nach São Miguel
Der Rückflug nach São Miguel erfolgt wieder mit einer Dash 8 Turbopropmaschine von Bombardier. Mit einer Propellermaschine zu fliegen, ist schon ein anderes Flugerlebnis – besonders beim Start. Da geht was ab.
Unser Eindruck von Faial: Horta, Pico-Blick und junge Vulkangeschichte
Faial hat uns vor allem durch seine Mischung gefallen. Die Insel wirkt zugänglicher als São Jorge, maritimer als Pico und persönlicher als São Miguel. Das liegt vor allem an Horta. Der Hafen, die Segler, das Peter Café Sport, die bemalten Piers und der Blick hinüber zum Pico geben der Stadt eine besondere Atmosphäre. Für uns ist Horta die schönste Ortschaft dieser Reise, wenn man ein echtes Zentrum sucht.
Auch landschaftlich bleibt Faial stark in Erinnerung. Die Umwanderung der Caldeira war zwar stellenweise schwieriger als gedacht, aber der Blick in den grossen Krater war eindrücklich. Am Capelinhos-Vulkan wird zudem sichtbar, wie jung und lebendig die Vulkangeschichte der Azoren ist. Die graue Aschelandschaft und der verlassene Leuchtturm wirken nicht wie Vergangenheit aus dem Lehrbuch, sondern wie etwas, das noch nahe ist.
Faial war für uns eine Insel mit Balance: schöne Natur, gute Restaurants, ein lebendiges Zentrum und immer wieder dieser Blick auf Pico. Gerade diese Verbindung aus Hafenatmosphäre, Vulkanlandschaft und Weite machte die Insel zu einem der angenehmsten Abschnitte unserer Azorenreise.












