Die Azoren beginnen nicht mit grosser Geste, sondern mit einem sehr frühen Taxi, geschlossenen Lounges und der leisen Frage, ob Ferien wirklich vor Sonnenaufgang starten müssen. Doch in den nächsten Tagen des Aprils verschiebt sich der Blick: hinaus auf den Atlantik, hinein in grüne Krater, entlang schroffer Küsten und weiter von Insel zu Insel.
São Miguel zeigt sich dabei auch im April nicht nur von seiner gefälligen Seite. Manchmal stehen zu viele Menschen vor derselben Aussicht, manchmal bleibt ein berühmtes Gericht deutlich hinter seinem Ruf zurück. Und dann gibt es wieder diese Momente, in denen alles stimmt: ein fast leerer Blick auf einen Kratersee, eine einfache Bar über dem Meer, ein guter Teller Fisch am Abend. Genau daraus entsteht diese Reise – nicht aus perfekten Höhepunkten, sondern aus ehrlichen Eindrücken, kleinen Irritationen und der langsamen Annäherung an einen Archipel, der sich nicht auf den ersten Blick erklärt.
Unsere Azorenroute im April
- São Miguel: Kraterseen, Furnas und Atlantikküste – die grösste und touristischste Insel unserer Reise. Natur mit grossen Bildern, aber auch mit spürbar mehr Betrieb.
- São Jorge: Rauer, stiller, ursprünglicher. Eine Insel mit steilen Küsten, Fajãs und einer Landschaft, die weniger gefallen will, aber länger nachwirkt.
- Pico: Geprägt vom Vulkan, von schwarzem Lavagestein und Weinlandschaften. Eine Insel mit klarer Kontur und einer ganz eigenen, reduzierten Schönheit.
- Faial: Maritim, offen, etwas weltläufiger. Horta, der Hafen und der Blick hinüber nach Pico geben der Insel eine besondere Leichtigkeit.
Anreise nach Ponta Delgada
Um 4.15 Uhr wartet bereits das Taxi vor der Tür. Es ist jene Uhrzeit, zu der selbst reisefreudige Menschen kurz an ihrer Entscheidung zweifeln. Der Flug nach Ponta Delgada geht um 6.20 Uhr – nicht gerade eine Einladung zu einem entspannten Reisebeginn. Auch die Lounges sind noch geschlossen, was dem frühen Aufbruch den letzten Rest von Komfort nimmt. Aber eine wirklich valable Alternative gibt es nicht. Wegen eines Streiks der spanischen Fluglotsen verspätet sich der Edelweiss Flug um rund zwanzig Minuten.
Grand Hotel Açores Atlântico
Gegen 10 Uhr erreichen wir schliesslich das Grand Hotel Açores Atlântico in Ponta Delgada. Gebucht haben wir zwei Nächte, obwohl wir nur eine bleiben. Ein kleiner Luxus, gewiss – aber einer mit praktischem Sinn: So können wir nach der Ankunft direkt ins Zimmer, noch in Ruhe frühstücken und müssen nicht auf eine reguläre Check-in-Zeit warten.
Nach einer Pause machen wir uns auf den Weg, Ponta Delgada kennenzulernen. Die Stadt empfängt uns freundlich, aber ohne grosses Versprechen. Um es ehrlich zu sagen: Wirklich gepackt hat sie uns nicht. Wir gehen am Hafen entlang, besuchen den botanischen Garten und lassen uns durch die Altstadt treiben. Es gibt schöne Ecken, einzelne Fassaden, kleine Plätze, den Geruch des Meeres in der Luft – doch der Funke springt an diesem ersten Tag nur verhalten über. Am nächsten Tag geht unsere Azorenrundreise weiter nach Sao Jorge, Pico und Faial von wo wir wieder nach Ponte Delgada fliegen werden.
Zurück nach São Miguel
Bei schönem Wetter fliegen wir Ende April von Faial zurück nach Ponta Delgada. Die letzten vier Tage unserer Azorenrundreise verbringen wir wieder auf São Miguel. Kurz vor uns ist ein verspäteter Flug aus Holland gelandet, was bei der Mietwagenübernahme zu einer entsprechend langen Schlange führt. Das allein wäre noch zu verschmerzen. Wirklich ärgerlich ist jedoch, dass bei Autatlantis erneut sämtliche persönlichen Daten von mir und Lotti abgefragt und ins System eingetragen werden – obwohl wir dort bereits zum vierten Mal ein Auto mieten. Auf meine Nachfrage folgt die nüchterne Antwort: Das sei eben der Prozess. Ein Satz, der selten etwas verbessert. Mein Verständnis für solche Abläufe bleibt jedenfalls überschaubar.
Airbnb Quinta da Alvoinha: hell, grosszügig und mit weitem Blick
Nach rund zwanzig Minuten Fahrt erreichen wir unser gebuchtes Airbnb, die Quinta da Alvoinha in Rabo de Peixe. Wir werden bereits erwartet und ins Haus eingeführt. Das Haus wirkt auf Anhieb grosszügig: helle Räume, viel Marmor, klare Linien und eine schöne Terrasse mit weitem Blick. Es ist einer dieser Orte, bei denen man nach wenigen Minuten weiss, dass man sich hier gut einrichten kann – zumindest für ein paar Tage.
Inzwischen ist es bereits nach 20 Uhr, und die praktischen Dinge des Reisens melden sich zurück. Wir müssen noch einkaufen. Also fahren wir nach Ribeira Grande, besorgen das Nötigste und folgen anschliessend der Empfehlung unseres Gastgebers: Abendessen im Alabote.
Miradouro da Vista do Rei — völlig überlaufen
Am nächsten Morgen fahren wir in Richtung Miradouro da Vista do Rei. Von dort führt ein Trail zu einem Aussichtspunkt mit Blick auf die beiden Kraterseen Lagoa Verde und Lagoa Azul – ein Bild, das zu den bekannten Ansichten von São Miguel gehört.
Schon bei der Anfahrt merken wir allerdings, dass wir hier nicht allein unterwegs sind. Auf der Bergstrasse in Richtung Parkplatz geraten wir plötzlich in eine langsam rollende Kolonne. Oben angekommen, bricht der Verkehr endgültig zusammen. Der Parkplatz ist völlig überfüllt mit Mietwagen und Kleinbussen, Menschen steigen aus, suchen Lücken, wenden, warten. Eigentlich wäre die Aussicht spektakulär, aber in diesem Chaos vergeht uns die Vorfreude. Uns löscht es komplett ab. Anstatt Teil des Gewusels zu werden, fahren wir weiter nach Mosteiros an die Westküste. Dort parken wir, flanieren ein wenig entlang der Küste und lassen den Blick über Felsen, Brandung und Meer wandern. Doch auch hier bleiben wir nicht allzu lange.
Santa Bárbara Beach: der Ort, der den Tag rettete
Auf der Rückfahrt suchen wir ein Restaurant mit Blick aufs Meer und stossen auf den Beach Club Surf & Snacks an der Santa Bárbara Beach. Und ja: genau das hat uns an diesem Tag gefehlt. Eine rustikale, unkomplizierte Bar, entspannte Leute, der Blick auf Klippen und Meer. Was wollen wir mehr? Dieser Ort entschädigt uns für den Frust vom Morgen. Man sitzt da, schaut hinaus, bestellt etwas zu essen oder zu trinken, und plötzlich ist die Welt wieder deutlich freundlicher. São Miguel kann offenbar auch anders.
Lagoa do Fogo
Am späteren Nachmittag fahren wir zum Aussichtspunkt der Lagoa do Fogo, ebenfalls einem Kratersee. Google Maps zeigt grün, also sind wir guter Dinge – eine kleine digitale Hoffnung, der man auf Reisen erstaunlich gern vertraut. Und tatsächlich: Die Aussichtspunkte sind nur schwach besucht. Wir können an allen drei Stellen halten, aussteigen und die Landschaft in Ruhe auf uns wirken lassen. Der See liegt eingebettet in eine fast unberührte Vulkanlandschaft, das Licht verändert sich mit den Wolken, und für einen Moment stellt sich genau jene Weite ein, wegen der man auf die Azoren reist.
Caldeira Velha: schön anzusehen, aber kein Muss
Auf dem Rückweg legen wir noch einen Halt in der Caldeira Velha ein, einem eintrittspflichtigen Naturschutzgebiet mit üppiger Vegetation und Thermalquellen. Der Ort ist grün, dicht bewachsen und durchaus reizvoll. Zwischen Farnen, warmem Wasser und feuchter Luft entsteht fast ein kleiner Urwaldmoment. In den Badebecken drängen sich allerdings die Besucher so dicht wie Frösche im Teich. Das ist vielleicht gesund, vielleicht entspannend – für uns wirkt es vor allem etwas befremdlich. Aber wir sind ja sowieso keine Thermalfreunde. Der schönste Ort ist ein natürliches Becken, in das sich ein kleiner Wasserfall stürzt. Alles nett anzusehen, gewiss, aber für uns kein Ort, den man zwingend gesehen haben muss.
Abendessen mit Meerblick in Ribeira Grande
Am späteren Abend machen wir uns nochmals auf den Weg nach Ribeira Grande, diesmal zur Tuka Tula Beach Bar, die ebenfalls direkt am Meer liegt. Wir haben Glück und bekommen noch einen Tisch. Der Tag endet versöhnlich: mit ausgezeichnetem Fisch, Blick aufs Wasser und diesem angenehmen Gefühl, dass auch ein durchzogener Reisetag seine eigene Dramaturgie haben darf. Nicht alles muss gelingen. Manchmal reicht es, wenn der Abend weiss, wie er den Morgen wieder gutmacht..
Furnas: Zwischen Schwefeldampf und Tradition
Am zweiten Tag fahren wir nach Furnas. Der Ort liegt in einem grossen Vulkankrater, eingebettet in Hänge, die dicht und beinahe verschwenderisch grün bewachsen sind. Schon diese Lage gibt Furnas eine besondere Stimmung:
Cozido das Furnas: Ein kulinarisches Erbe dass und enttäuschte
In Furnas haben wir ein traditionelles Essen gebucht: Cozido das Furnas, einen Eintopf, der durch Erdwärme gegart wird. Das Restaurant ist vorgegeben, und so wird uns im Tony’s die berühmte Cozido serviert – mit reichlich Brimborium. Wir schauen etwas skeptisch auf die grosse Platte mit verschiedenen Fleisch- und Gemüsesorten. Natürlich: Es ist ein kulturelles Erbe, und die Zubereitung in der heissen Erde gehört zu Furnas wie der Schwefelgeruch zu den Caldeiras. Aber auf dem Teller überzeugt uns das Ganze überhaupt nicht. Um es klar zu sagen: Für uns war es der absolute kulinarische Tiefpunkt dieser Azorenreise.
Der botanische Garten von Furnas
Nach diesem eher ernüchternden Mittagessen statten wir dem botanischen Garten einen Besuch ab. Die Anlage ist weitläufig, gepflegt und sehr schön gestaltet. Wir sind keine Botaniker, aber die Vielfalt der Vegetation beeindruckt uns. Überall wachsen Farne, Palmen, alte Bäume und Pflanzen, deren Namen wir vermutlich sofort wieder vergessen würden – was ihrer Wirkung keinen Abbruch tut.
Der Garten geht in seinen Ursprüngen auf das 18. Jahrhundert zurück und wirkt bis heute wie ein angelegter Rückzugsort inmitten dieser dampfenden Vulkanlandschaft. Wasserläufe und Becken durchziehen die Anlage, dazwischen führen Wege durch üppiges Grün. Ein weiteres auffälliges Element ist das grosse Thermalbecken mit seinem rostbraunen Wasser. Darin geben sich zahlreiche Badende den thermischen Freuden hin. Wir betrachten das Ganze lieber von aussen. Man muss nicht jede Gelegenheit nutzen, um sich gemeinsam mit vielen fremden Menschen in mineralhaltiges Wasser zu setzen.
Caldeiras das Furnas: die Erde arbeitet weiter
Zum Schluss besuchen wir noch die Caldeiras das Furnas. Hier blubbert, zischt und dampft es an allen Ecken. Der Schwefelgeruch ist fürchterlich, aber die Szenerie hat etwas Faszinierendes. Man steht da, schaut auf die aufsteigenden Dämpfe und wird daran erinnert, dass diese Inseln nicht einfach entstanden sind und seither still daliegen. Unter der Oberfläche ist Bewegung. Im Wissen, dass Furnas kein erloschener Vulkan ist, sondern zu den aktiven Vulkansystemen der Azoren gehört, betrachten wir diesen Ort mit einem gewissen Respekt – auch wenn der letzte Ausbruch bereits auf das Jahr 1630 zurückgeht.
O’Pescador: Wiedergutmachung am Abend
Nach dem kulinarischen Debakel vom Mittag brauchen wir am Abend dringend einen Ausgleich. Den finden wir im Restaurant O’Pescador, nur wenige Fahrminuten von unserer Unterkunft entfernt. Schon beim Ankommen gefällt es uns. Die Stimmung ist gut, das Essen ist gut, alles ist gut. Die Cozido lassen wir hinter uns. Und zwar ohne Bedauern.
Letzter Tag auf São Miguel
Küstenwanderung Entlang der Steilküste von Maia
Für unseren letzten Tag auf São Miguel haben wir eine kleine Küstenwanderung ab der Ortschaft Maia vorgesehen. Nach den Kraterseen, Thermalquellen und etwas wechselhaften Eindrücken der vergangenen Tage tut es gut, nochmals einfach zu Fuss unterwegs zu sein. Der Weg führt entlang der Steilküste, mit Blick auf den Atlantik und die dunklen Felsen unter uns. Wir geniessen dieses Gehen am Rand der Insel, wo Wind, Meer und Landschaft den Takt vorgeben. Ein steiler Treppenaufstieg bringt uns rund 120 Meter in die Höhe – genug, um kurz daran erinnert zu werden, dass auch eine kleine Wanderung auf den Azoren nicht ganz ohne Einsatz zu haben ist. Am Ende unseres Trails erreichen wir einen kleinen, gepflegten Weiler. Wir legen eine Pause ein, lassen den Ort kurz auf uns wirken und machen uns anschliessend auf den Rückweg. Danach kehren wir in der Estrela Bar & Restaurant ein – unkompliziert, passend, genau richtig nach dieser Runde entlang der Küste.
Vila Franca do Campo: die ehemalige Hauptstadt im Schatten ihrer Insel
Eigentlich wären wir anschliessend gerne noch in den Osten der Insel gefahren, um dem Centro Ambiental do Priolo einen Besuch abzustatten und mehr über den Azorengimpel zu erfahren. Leider ist das Zentrum am Sonntag geschlossen. Also ändern wir den Plan und fahren nach Vila Franca do Campo, der ehemaligen Hauptstadt von São Miguel. Wir parken am Hafen und schlendern durch die engen Gassen, um uns einen Eindruck zu verschaffen. Die Stadt ist angenehm, aber sie drängt sich nicht auf. Man spürt Geschichte, sieht einzelne hübsche Ecken, doch der eigentliche Blickfang liegt draussen vor der Küste: die Ilhéu de Vila Franca do Campo, eine kleine Vulkaninsel, die im Hafen allgegenwärtig beworben wird – zusammen mit Bootsausflügen und weiteren Aktivitäten auf dem Wasser. Vila Franca do Campo kann man besuchen, muss man aber nicht. Für uns bleibt es eher ein kurzer Abstecher als ein bleibender Eindruck. Danach fahren wir zurück in unser Airbnb und bereiten uns langsam auf die Rückreise in die Schweiz vor.
Unser Fazit zu São Miguel: grosse Natur, kleine Reibungen
São Miguel hat uns von den besuchten Azoreninseln am wenigsten inspiriert. Nicht, weil es der Insel an Natur fehlen würde – im Gegenteil. Kraterseen, Steilküsten, Thermalquellen und das satte Grün sind eindrucksvoll. Doch an den bekannten Orten spürt man den Tourismus bereits im April und Mai deutlich. São Miguel wirkt stellenweise mehr wie eine klassische Ferieninsel als wie ein stiller Ort zum Entdecken.
Trotzdem findet man schöne Plätze, gute Restaurants und Momente, die bleiben. Man sollte die bekannten Aussichtspunkte jedoch möglichst früh am Morgen oder später am Abend besuchen, wenn etwas mehr Gelassenheit einkehrt. Für uns hatte São Miguel unter den besuchten Inseln am wenigsten Charme – aber genug starke Szenen, um die Reise dennoch reizvoll zu machen.












