Pico zeigt sich uns zunächst von seiner unruhigen Seite: Regen, Wind und eine Fährüberfahrt, die mehr Konzentration verlangt als Vorfreude. Doch kaum klart der Himmel auf, verändert sich die Insel. Plötzlich liegen Santo Amaro, das Meer und São Jorge in einem Licht vor uns, das man nicht so schnell vergisst.
Pico ist eine Insel aus dunklem Lavagestein, sattem Grün und einem Vulkan, der sich nicht einfach auf Bestellung zeigt. Gerade diese Mischung aus rauer Küste, weiten Ausblicken und gelegentlicher Wetterlaune macht unsere Tage auf Pico so eindrücklich.
Unsere Azorenroute im April: São Miguel — São Jorge — Pico ‑Faial — São Miguel
Überfahrt nach Pico: zwischen Seegang und Erleichterung
Am nächsten Morgen frühstücken wir noch gemütlich und bereiten uns auf die Abreise vor. Leider hat sich das Wetter gegenüber dem Vortag wieder deutlich verschlechtert. Es regnet ununterbrochen, und auch der Wind hat spürbar zugenommen.
Als kleine Vorsichtsmassnahme nehmen wir Tabletten gegen Seekrankheit. Danach gehen wir auf die Fähre, die bereits im Hafen ziemlich heftig schaukelt. Das ist nicht unbedingt der Moment, in dem man sich innerlich entspannt zurücklehnt. Lotti nimmt einen Platz am Fenster. Ich entscheide mich für einen Sitzplatz in der Mitte des Schiffes, dort soll es am stabilsten sein. Bald sind wir auf offener See, und die Fähre stampft und rollt ihrem Ziel entgegen. Ich bin jedenfalls sehr froh, als wir in Madalena auf Pico ankommen. Lotti meint, das sei doch ganz easy gewesen. Mir persönlich hat es gereicht. Seekrank wurde ich zwar nicht, aber unter Vergnügen verbuche ich diese Überfahrt trotzdem nicht.
Ankommen in Santo Amaro
Nach einer kurzen Wartezeit verladen wir das Gepäck ins Mietauto. Bevor wir weiterfahren, gehen wir zu Fuss noch in ein Restaurant, um eine Kleinigkeit zu essen. Danach machen wir uns auf den Weg zu unserem nächsten Airbnb in Santo Amaro, das Atlantis Pico.
Nach etwa 45 Minuten erreichen wir das Haus, das für drei Nächte unser Zuhause sein wird. Wie schon im ersten Airbnb ist es innen zunächst unangenehm kalt. Die Lage und die Einrichtung überzeugen uns aber sofort. Und nachdem die Klimaanlage nach einigem Hin und Her tatsächlich heizt und zusätzlich zwei elektrische Radiatoren bereitstehen, wird es gegen Abend auch im Haus angenehm warm.
Die Casa Atlantis Pico liegt etwas erhöht und bietet einen weiten Blick hinunter auf Santo Amaro, hinaus aufs Meer und hinüber nach São Jorge. Erst jetzt wird uns richtig bewusst, wie schön dieses Airbnb. Der Ausblick hätte durchaus das Zeug, an die Côte d’Azur zu erinnern – nur ohne Massentourismus, ohne Selfiesticks und ohne das Gefühl, dass jeder Quadratmeter bereits vermarktet ist. Hier wirkt alles stiller, ursprünglicher, etwas selbstverständlicher.
Abendessen in Prainha
Für das Abendessen fahren wir nach Prainha, ins Adega Açoriana – Tapas & Wine House. Nach den etwas umständlicheren Wegen auf São Jorge sind wir froh, diesmal nur wenige Minuten bis zu einem Restaurant fahren zu müssen. Manchmal misst sich Komfort auf Reisen nicht an grossen Dingen. Sondern daran, ob man nach einem nassen Reisetag, einer unruhigen Fährfahrt und einem kühlen Haus nicht noch eine halbe Insel durchqueren muss, um an einem warmen Tisch zu sitzen.
Arcos: schwarze Lava am Meer
Nach dem stürmischen Vortag begrüsst uns Pico mit blauem Himmel und Sonne. Wir machen uns auf den Weg nach Arcos. An der Küste fühlt es sich an, als sei die Zeit stehen geblieben. Die pechschwarzen Lavaformationen liegen dort so scharfkantig und bizarr am Meer, als wäre der glühende Strom erst vor Kurzem erstarrt. Beeindruckt kraxeln wir über die Lava bis zu jener Stelle, an der sich ein natürlicher Lavabogen gebildet hat. Die Landschaft ist rau, dunkel und von einer eigenartigen Schönheit. Nichts daran ist gefällig, aber genau das macht sie so stark.
Cachorro: zwischen Klippen und Hundekopf
Anschliessend fahren wir weiter entlang der Küste bis zum kleinen Ort Cachorro. Über angelegte Pfade und Treppen lässt sich dort ein Labyrinth aus schwarzen Klippen erkunden. Man geht zwischen dunklem Lavagestein, Spalten und Meerblick hindurch und merkt, wie stark Pico von diesem Material geprägt ist. Das Wahrzeichen des Ortes ist eine bizarre Felsformation, die an einen Hundekopf erinnert. Viele kommen genau deswegen nach Cachorro – und tatsächlich braucht es nicht allzu viel Fantasie, um die Form zu erkennen.
Mittagessen mit Meerblick in Prainha
Danach fahren wir zurück in Richtung unserer Unterkunft und kehren nochmals im Adega Açoriana – Tapas & Wine House ein. Diesmal können wir den Lunch auf der Terrasse geniessen, mit schönem Blick auf das Meer. Nach schwarzer Lava, Atlantik und Sonne passt dieser Ort ausgezeichnet in den Tag: unkompliziert, angenehm und nah genug an unserer Unterkunft.
Lagoa do Capitão: der Pico bleibt verborgen
Am Nachmittag beschliessen wir, zur Lagoa do Capitão zu fahren – in der Hoffnung, endlich einen Blick auf den Pico zu bekommen. Am pittoresken See angekommen, werden wir allerdings enttäuscht. Der Berg verhüllt sich in Nebelschwaden, die innerhalb weniger Minuten immer dichter werden. Wir warten noch einen Moment, ob sich die Situation vielleicht ändert. Doch der Nebel bleibt. Also fahren wir weiter und entscheiden uns für die Estrada Transversal.
Estrada Transversal: oben grau, unten blau
Die Fahrt wird zu einer ziemlich eigenen Erfahrung. Der dichte Nebel verwandelt die Hochebene in eine fast blinde Reise; die bekannten Seen verschwinden vollständig im Grau. Dazu kommt die Strasse selbst: unzählige Schlaglöcher zwingen uns zu einer ständigen Slalomfahrt.
Mit der Zeit fährt auch ein mulmiges Gefühl mit. Eine Reifenpanne hier oben, ohne zuverlässigen Handyempfang, wäre definitiv nicht das Ferienerlebnis, auf das wir Wert legen. Schade ist es trotzdem, denn diese Strecke hätte bei klarer Sicht sicher ihren Reiz. Aber so ist es auf den Azoren: Das Wetter verhandelt nicht. Nach gut einer Stunde erreichen wir wieder die Küstenstrasse – bei sonnigem Wetter. Es ist schon erstaunlich: oben grau, unten blau.
Mar Sushi Terrace: ein gelungener Abschluss
Die Zeit passt, und wir fahren noch ein paar Kilometer weiter zum Mar Sushi Terrace. Zum ersten Mal müssen wir warten; das Restaurant ist rappelvoll. Aber das Warten lohnt sich. Wir geniessen eine ausgezeichnete Sushi-Küche und lassen den Tag kulinarisch ausklingen.
Pico hat uns an diesem Tag viel gezeigt: schwarze Lava, weites Meer, schöne Terrassen – und einen Vulkan, der sich lieber im Nebel versteckt.
Ponta da Ilha: Lavaküste, Leuchtturm und Atlantik
Am nächsten Morgen entscheiden wir uns für eine Wanderung. Gleich nach dem Start in Manhenha wird es auf dem Weg zur Ponta da Ilha ernst. Das erste Stück über die Lavafelsen bis zum Leuchtturm ist für uns anspruchsvoll. Die pechschwarze Lava ist scharfkantig, fast messerscharf, und die gelb-roten Wandermarkierungen sind nicht immer leicht zu finden.
Nach dem Leuchtturm wird der Weg einfacher. T1-Niveau. Wir sind froh darüber, denn der erste Abschnitt steckt uns bereits etwas in den Beinen. Später führt der Weg allerdings erneut über Lavaklippen. Da uns die Müdigkeit schon in den Knochen sitzt, ist uns das Risiko auf diesem scharfkantigen Basalt irgendwann zu gross. Wir nehmen deshalb den nächsten Stichweg als eine Art Notausgang zur Strasse und laufen von dort zurück nach Manhenha. Es bleibt eine lohnenswerte Runde – vorausgesetzt, Kondition und Trittsicherheit stimmen.
Terra Alta: Ausblicke entlang der Küste
Leider ist das einzige Restaurant im Dorf ausgebucht. Also fahren wir zurück in Richtung unserer Unterkunft und erkunden unterwegs mit dem Auto noch die Küstenregion Terra Alta. Immer wieder werden wir mit schönen Ausblicken belohnt: Meer, Hänge, dunkle Felsen und diese besondere Pico-Mischung aus Grün und Lava.
Für unseren letzten Abend auf Pico haben wir uns für das Restaurant Magma in Terra Alta entschieden. Wir bekommen noch einen Tisch, wirklich glücklich werden wir aber weder mit Service und Ambiente noch mit dem Essen. Schade. Vielleicht färbt hier die unmittelbare Nähe zu einem Hotel ab, das selbst kein eigenes Restaurant anbietet.
Abschied von Pico und Überfahrt nach Faial
Etwas schwermütig verlassen wir am nächsten Morgen unser Airbnb. Es war wirklich ein tolles Haus, und wir hätten es durchaus noch etwas länger ausgehalten. Die Rückgabe des Mietwagens im Fährhafen von Madalena gestaltet sich ziemlich feucht: Es regnet in Strömen.
Unsere Fähre nach Faial ist ein kleineres Schiff. Wir nehmen auf den Stühlen im Aussenbereich des Hecks Platz. Inzwischen hat es aufgehört zu regnen, doch das Meer ist alles andere als ruhig. Die Schaumkronen auf den Wellen lassen bereits erkennen, dass es keine ganz glatte Fahrt wird. Aber es sind nur rund 25 Minuten bis nach Horta, unserer nächsten Destination. Und ja, das Boot rollt immer wieder von einer Seite zur anderen, aber es hält sich in Grenzen. Mit festem Blick auf den Horizont kann sogar ich diese Fährfahrt geniessen.
Unser Eindruck von Pico
Pico hat uns fasziniert, weil die vulkanische Herkunft der Azoren hier besonders sichtbar wird. Der Vulkan dominiert die Insel, auch dann, wenn er sich hinter Wolken versteckt. Man sieht ihn nicht nur als Berg am Horizont, sondern spürt seinen Einfluss in der ganzen Landschaft.
Dazu kommt diese Mischung aus schwarzem Lavagestein, sattem Grün und rauer Küste. Bei Arcos, in Cachorro oder auf der Wanderung zur Ponta da Ilha wird deutlich, wie stark Lava die Insel geformt hat. Pico wirkt dadurch unmittelbarer und für uns deutlich spannender als São Miguel – eine Insel, auf der der vulkanische Charakter nicht nur Hintergrund ist, sondern das ganze Reisegefühl prägt.













