Zwischen nebligen Strassen, steilen Fajãs, grünen Waldparks und einer Nordküste, die dem Atlantik sehr nahe kommt, zeigt São Jorge eine ursprünglichere Seite der Azoren. Nicht alles ist bequem, nicht alles gelingt. Aber vieles bleibt hängen.
Unsere Azorenroute im April: São Miguel — São Jorge — Pico — Faial — São Miguel
São Jorge: Regen, Wind und ein ruppiger Empfang
Im lautem Getöse der Propeller
Am Morgen unseres Fluges von Ponta Delgada nach São Jorge zeigt sich das Wetter wenig einladend. Es regnet, der Wind zieht kräftig über den Flughafen, und die Böen sind deutlich spürbar. Ich schaue entsprechend mit gemischten Gefühlen auf den bevorstehenden Flug. Lotti bleibt da wesentlich gelassener.
Mit lautem Getöse startet die Propellermaschine. Doch kaum haben wir die Reisehöhe erreicht, entpuppt sich der Flug als erstaunlich ruhig und entspannt. Nur der Landeanflug erinnert uns nochmals daran, dass wir auf den Azoren unterwegs sind: Er fällt ziemlich ruppig aus.
Das ewig gleiche Ritual am Mietwagenschalter
Unseren Mietwagen haben wir bei Autatlantis gebucht. Obwohl mit uns nur drei Kunden anstehen, dauert es gefühlt ewig, bis wir endlich losfahren können. Es ist eines dieser Mietwagenrituale, bei denen man sich fragt, ob diese Branche in den letzten Jahrzehnten wirklich etwas dazugelernt hat.
Fajã dos Vimes: Die Idylle der Abgeschiedenheit – und ihre Tücken
Unser Airbnb liegt in Fajã dos Vimes, im südöstlichen Teil der Insel. Der Ort liegt idyllisch an der Küste, allerdings ohne Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten. Deshalb decken wir uns bereits auf der Hinfahrt mit allem ein, was wir fürs Frühstück benötigen.
Das Haus präsentiert sich etwas rustikaler, als es auf den Fotos gewirkt hatte, ist aber soweit in Ordnung – vor allem, nachdem uns noch ein zusätzliches Heizelement zur Verfügung gestellt wird. Es ist weiterhin kühl, windig und regnerisch, und dieses Wetter wird uns auf São Jorge fast die ganze Zeit begleiten.
Von Topo nach Rosais: São Jorge einmal quer
Topo: ein Espresso am östlichen Ende der Insel
Am Morgen konsultieren wir zuerst das Wetterradar. Der Osten der Insel sieht am vielversprechendsten aus, also fahren wir nach Topo.
Von der Landschaft unterwegs sehen wir allerdings kaum etwas. Alles liegt im Nebel, die Konturen verschwimmen, und São Jorge zeigt sich zunächst eher als Ahnung denn als Aussicht. Erst in Topo klart das Wetter ein wenig auf. Genug immerhin, um die Küste etwas zu erkunden und einen Eindruck von diesem abgelegenen Ende der Insel zu bekommen.
Ponta dos Rosais: Beton und Stille am verlassenen Leuchtturm
Da sich die Wetterprognose für den Nachmittag verbessert, entscheiden wir uns, ganz in den Nordwesten von São Jorge zu fahren, zur Ponta dos Rosais. Die Zufahrt führt über eine längere Schotterpiste, was dem Ort schon vor der Ankunft etwas Abgelegenes gibt.
Der Leuchtturm selbst ist heute ein Lost Place. Schön ist er nicht unbedingt; grauer Beton dominiert, und die Anlage wirkt eher verlassen als romantisch. Nach einem Erdbeben musste der Leuchtturm aufgegeben werden, das Betreten des Geländes ist verboten. Wir halten uns daran und fahren ein Stück zurück zum Aussichtspunkt Vigia da Baleia, dem ehemaligen Walbeobachtungsturm. Von dort öffnet sich der Blick auf die raue Küstenlandschaft und hinüber zum alten Leuchtturm.
Ein grüner Moment zum Innehalten: Sete Fontes
Auf dem Rückweg machen wir noch einen Halt im Sete Fontes Forest Park. Der Waldpark ist schön gestaltet, mit üppiger Vegetation, Riesenfarnen und kleinen Seen. Ein Ort zum Innehalten und zum geniessen.
Fajã dos Cubres nach Santo Cristo: Wo der Wanderweg nah am Atlantik bleibt
Heute haben wir eine Wanderung geplant. Wir fahren in den Norden von São Jorge, wo eine steile Strasse hinunter zur Fajã dos Cubres führt. Schon die Anfahrt macht deutlich, weshalb diese Insel einen anderen Charakter hat als São Miguel: steiler, rauer, weniger gefällig – und genau deshalb eindrücklich.
Es ist eine schöne Wanderung: Küste, Meer, Felsen, Wind. Der Weg bleibt nah am Atlantik, und immer wieder öffnet sich der Blick auf Wasser und Steilküste. So gefällt es uns.
In Santo Cristo hoffen wir, dass eines der Restaurants geöffnet hat. Laut Google sollte zumindest eines offen sein. Vor Ort stehen wir dann allerdings vor verschlossenen Türen. Es ist eines dieser kleinen Reiseärgernisse, die man kennt und trotzdem jedes Mal wieder unnötig findet: saisonale Schliesszeiten werden nicht sauber aktualisiert, und der hungrige Wanderer darf die Realität selbst überprüfen. Nach einer kleinen Snickers Pause bei der Kirche machen wir uns wieder auf den Rückweg. Zurück in Cubres kehren wir in der Taberna do Paço ein, wo uns ein ausgezeichnetes Sandwich zubereitet wird. Manchmal braucht es nach einer Wanderung nicht viel mehr als gutes Brot, etwas Herzhaftes dazwischen und einen Ort, an dem man kurz sitzen bleibt.
Norte Grande: Die Rangordnung des Ozeans
Wir haben noch Zeit und fahren weiter nach Norte Grande, weil wir nochmals an die Küste möchten. Kurvige Strassen führen uns hinunter bis zum Hafen. Wir parkieren und gehen ein kleines Stück weiter zur Hafenmole und zur Schutzmauer. Der Boden ist nass und glitschig, und ich sehe sogar, wie eine Welle über die Mauer bricht. Trotzdem will ich mit der Kamera den Hafen und die Küste aufnehmen. Ein Fehler, wie sich wenige Augenblicke später zeigt.
Wir stehen an der Mauer, ich filme – und plötzlich kommt ein Brecher über die Schutzmauer. Ich finde mich auf dem Boden wieder und versuche mich festzuhalten, damit ich nicht ins Hafenbecken gespült werde. Lotti steht etwas weiter oben und wird vom Brecher nicht direkt getroffen.
Triefend nass stehe ich auf und ärgere mich über meine eigene Dummheit. Nochmals Glück gehabt. Diese Lektion werde ich mir merken: Der Atlantik braucht keine grosse Vorwarnung, um einem die Rangordnung zu erklären.
Vorbereitung auf die Weiterreise nach Pico
Nach diesem Abenteuer bereiten wir uns auf den morgigen Abreisetag vor. Das Reisebüro informiert uns zudem über eine Änderung im Zeitplan. Die Fähre wird neu erst um 12 Uhr abfahren. Da auf Pico wegen eines Frachtschiffs auch der Fährhafen geändert wurde und wir nun Madalena anlaufen, dauert die Überfahrt rund zwanzig Minuten länger. Nach Wind, Regen, Küstenwegen und einer unerwartet nassen Lektion an der Mole fühlt sich dieser letzte Abend auf São Jorge bereits ein wenig nach Übergang an. Pico wartet.
Unser Eindruck von São Jorge: rau, grün und eigenwillig
São Jorge war für uns keine einfache Insel, aber eine mit Charakter. Das Wetter blieb wechselhaft, die Wege waren oft kurvig, und unsere Unterkunft in Fajã dos Vimes würden wir rückblickend eher anders wählen.
In Erinnerung bleiben vor allem die Küstenlandschaften: Topo, Ponta dos Rosais, Fajã dos Cubres und der Weg nach Santo Cristo. São Jorge wirkt weniger touristisch, weniger glatt, manchmal auch etwas sperrig. Aber genau darin liegt ihr Reiz.
Es ist eine Insel für Reisende, die nicht nur schöne Aussichten suchen, sondern auch mit Wind, Nebel und kleinen Umwegen umgehen können. Der Atlantik ist hier kein Hintergrundbild, sondern spürbare Gegenwart – spätestens, wenn man an einer Hafenmole kurz vergisst, wer hier das letzte Wort hat.












