Sao Jorge, schnurgerade Gravelroad zum Leuchtturm auf Ponta dos Rosais

São Jorge Azoren: zwischen Fajãs, Wind und Atlantik

von | 13.05.2026 | Portugal

São Jorge emp­fängt uns nicht mit offe­nen Armen, son­dern mit Wind, Regen und einem rup­pi­gen Landeanflug. Die Insel macht von Beginn weg klar, dass sie nicht gefal­len will um jeden Preis. Sie ist rau­er als São Miguel, abge­schie­de­ner – und gera­de des­halb inter­es­sant.

Zwischen neb­li­gen Strassen, stei­len Fajãs, grü­nen Waldparks und einer Nordküste, die dem Atlantik sehr nahe kommt, zeigt São Jorge eine ursprüng­li­che­re Seite der Azoren. Nicht alles ist bequem, nicht alles gelingt. Aber vie­les bleibt hän­gen.

Unsere Azorenroute im April: São Miguel — São Jorge — PicoFaial — São Miguel

São Jorge: Regen, Wind und ein ruppiger Empfang

Im lautem Getöse der Propeller

Am Morgen unse­res Fluges von Ponta Delgada nach São Jorge zeigt sich das Wetter wenig ein­la­dend. Es reg­net, der Wind zieht kräf­tig über den Flughafen, und die Böen sind deut­lich spür­bar. Ich schaue ent­spre­chend mit gemisch­ten Gefühlen auf den bevor­ste­hen­den Flug. Lotti bleibt da wesent­lich gelas­se­ner.

Mit lau­tem Getöse star­tet die Propellermaschine. Doch kaum haben wir die Reisehöhe erreicht, ent­puppt sich der Flug als erstaun­lich ruhig und ent­spannt. Nur der Landeanflug erin­nert uns noch­mals dar­an, dass wir auf den Azoren unter­wegs sind: Er fällt ziem­lich rup­pig aus.

Das ewig gleiche Ritual am Mietwagenschalter

Unseren Mietwagen haben wir bei Autatlantis gebucht. Obwohl mit uns nur drei Kunden anste­hen, dau­ert es gefühlt ewig, bis wir end­lich los­fah­ren kön­nen. Es ist eines die­ser Mietwagenrituale, bei denen man sich fragt, ob die­se Branche in den letz­ten Jahrzehnten wirk­lich etwas dazu­ge­lernt hat.

Fajã dos Vimes: Die Idylle der Abgeschiedenheit – und ihre Tücken

Unser Airbnb liegt in Fajã dos Vimes, im süd­öst­li­chen Teil der Insel. Der Ort liegt idyl­lisch an der Küste, aller­dings ohne Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten. Deshalb decken wir uns bereits auf der Hinfahrt mit allem ein, was wir fürs Frühstück benö­ti­gen.

Das Haus prä­sen­tiert sich etwas rus­ti­ka­ler, als es auf den Fotos gewirkt hat­te, ist aber soweit in Ordnung – vor allem, nach­dem uns noch ein zusätz­li­ches Heizelement zur Verfügung gestellt wird. Es ist wei­ter­hin kühl, win­dig und reg­ne­risch, und die­ses Wetter wird uns auf São Jorge fast die gan­ze Zeit beglei­ten.

Sicht von der Zufahrtsstrasse auf den Weiler Faja do Vimes
Im Nachhinein wür­den wir wohl eher einen ande­ren Standort wäh­len. Von der Hauptstrasse hin­un­ter nach Fajã dos Vimes sind es jedes Mal rund zwan­zig kur­vi­ge Minuten. Das klingt zunächst nicht dra­ma­tisch, wird aber im Alltag schnell zu einem klei­nen Faktor – beson­ders beim Wunsch, abends nicht mehr all­zu weit fah­ren zu müs­sen.

Von Topo nach Rosais: São Jorge einmal quer

Topo: ein Espresso am östlichen Ende der Insel

Am Morgen kon­sul­tie­ren wir zuerst das Wetterradar. Der Osten der Insel sieht am viel­ver­spre­chends­ten aus, also fah­ren wir nach Topo.

Von der Landschaft unter­wegs sehen wir aller­dings kaum etwas. Alles liegt im Nebel, die Konturen ver­schwim­men, und São Jorge zeigt sich zunächst eher als Ahnung denn als Aussicht. Erst in Topo klart das Wetter ein wenig auf. Genug immer­hin, um die Küste etwas zu erkun­den und einen Eindruck von die­sem abge­le­ge­nen Ende der Insel zu bekom­men.

Blick auf den Küstenort Topo in Sao Jorge
Zum Glück gibt es auch ein klei­nes Restaurant: das Olhar Ilhéu. Bei einem Espresso und Pastéis de Nata bera­ten wir, was wir als Nächstes tun. Es ist einer die­ser Reisemomente, in denen nicht der Plan ent­schei­det, son­dern der Blick auf den Himmel.

Ponta dos Rosais: Beton und Stille am verlassenen Leuchtturm

Da sich die Wetterprognose für den Nachmittag ver­bes­sert, ent­schei­den wir uns, ganz in den Nordwesten von São Jorge zu fah­ren, zur Ponta dos Rosais. Die Zufahrt führt über eine län­ge­re Schotterpiste, was dem Ort schon vor der Ankunft etwas Abgelegenes gibt.

Der Leuchtturm selbst ist heu­te ein Lost Place. Schön ist er nicht unbe­dingt; grau­er Beton domi­niert, und die Anlage wirkt eher ver­las­sen als roman­tisch. Nach einem Erdbeben muss­te der Leuchtturm auf­ge­ge­ben wer­den, das Betreten des Geländes ist ver­bo­ten. Wir hal­ten uns dar­an und fah­ren ein Stück zurück zum Aussichtspunkt Vigia da Baleia, dem ehe­ma­li­gen Walbeobachtungsturm. Von dort öff­net sich der Blick auf die raue Küstenlandschaft und hin­über zum alten Leuchtturm.

Sicht vom Aussichtspunkt auf den Leuchtturm bei Ponta dos Rosais

Ein grüner Moment zum Innehalten: Sete Fontes

Auf dem Rückweg machen wir noch einen Halt im Sete Fontes Forest Park. Der Waldpark ist schön gestal­tet, mit üppi­ger Vegetation, Riesenfarnen und klei­nen Seen. Ein Ort zum Innehalten und zum genies­sen.

Riesenfarn im Sete Fontes Forest Park

Fajã dos Cubres nach Santo Cristo: Wo der Wanderweg nah am Atlantik bleibt

Heute haben wir eine Wanderung geplant. Wir fah­ren in den Norden von São Jorge, wo eine stei­le Strasse hin­un­ter zur Fajã dos Cubres führt. Schon die Anfahrt macht deut­lich, wes­halb die­se Insel einen ande­ren Charakter hat als São Miguel: stei­ler, rau­er, weni­ger gefäl­lig – und genau des­halb ein­drück­lich.

Sicht auf Fajo do Cubres von dem Aussichtspunkt an der Strasse.
Die Fajã dos Cubres liegt mit ihrer Küstenlagune zwi­schen Hang und Meer. Von dort führt ein brei­ter Zugangsweg, der auch von Quads befah­ren wird, wei­ter in Richtung Fajã da Caldeira de Santo Cristo. Für Hin- und Rückweg benö­ti­gen wir rund drei Stunden.

Es ist eine schö­ne Wanderung: Küste, Meer, Felsen, Wind. Der Weg bleibt nah am Atlantik, und immer wie­der öff­net sich der Blick auf Wasser und Steilküste. So gefällt es uns.

In Santo Cristo hof­fen wir, dass eines der Restaurants geöff­net hat. Laut Google soll­te zumin­dest eines offen sein. Vor Ort ste­hen wir dann aller­dings vor ver­schlos­se­nen Türen. Es ist eines die­ser klei­nen Reiseärgernisse, die man kennt und trotz­dem jedes Mal wie­der unnö­tig fin­det: sai­so­na­le Schliesszeiten wer­den nicht sau­ber aktua­li­siert, und der hung­ri­ge Wanderer darf die Realität selbst über­prü­fen. Nach einer klei­nen Snickers Pause bei der Kirche machen wir uns wie­der auf den Rückweg. Zurück in Cubres keh­ren wir in der Taberna do Paço ein, wo uns ein aus­ge­zeich­ne­tes Sandwich zube­rei­tet wird. Manchmal braucht es nach einer Wanderung nicht viel mehr als gutes Brot, etwas Herzhaftes dazwi­schen und einen Ort, an dem man kurz sit­zen bleibt.

Norte Grande: Die Rangordnung des Ozeans

Wir haben noch Zeit und fah­ren wei­ter nach Norte Grande, weil wir noch­mals an die Küste möch­ten. Kurvige Strassen füh­ren uns hin­un­ter bis zum Hafen. Wir par­kie­ren und gehen ein klei­nes Stück wei­ter zur Hafenmole und zur Schutzmauer. Der Boden ist nass und glit­schig, und ich sehe sogar, wie eine Welle über die Mauer bricht. Trotzdem will ich mit der Kamera den Hafen und die Küste auf­neh­men. Ein Fehler, wie sich weni­ge Augenblicke spä­ter zeigt.

Wir ste­hen an der Mauer, ich fil­me – und plötz­lich kommt ein Brecher über die Schutzmauer. Ich fin­de mich auf dem Boden wie­der und ver­su­che mich fest­zu­hal­ten, damit ich nicht ins Hafenbecken gespült wer­de. Lotti steht etwas wei­ter oben und wird vom Brecher nicht direkt getrof­fen.

Triefend nass ste­he ich auf und ärge­re mich über mei­ne eige­ne Dummheit. Nochmals Glück gehabt. Diese Lektion wer­de ich mir mer­ken: Der Atlantik braucht kei­ne gros­se Vorwarnung, um einem die Rangordnung zu erklä­ren.

Sicht auf Norte Grande und auf die schwarze Lavaküste

Vorbereitung auf die Weiterreise nach Pico

Nach die­sem Abenteuer berei­ten wir uns auf den mor­gi­gen Abreisetag vor. Das Reisebüro infor­miert uns zudem über eine Änderung im Zeitplan. Die Fähre wird neu erst um 12 Uhr abfah­ren. Da auf Pico wegen eines Frachtschiffs auch der Fährhafen geän­dert wur­de und wir nun Madalena anlau­fen, dau­ert die Überfahrt rund zwan­zig Minuten län­ger. Nach Wind, Regen, Küstenwegen und einer uner­war­tet nas­sen Lektion an der Mole fühlt sich die­ser letz­te Abend auf São Jorge bereits ein wenig nach Übergang an. Pico war­tet.

Unser Eindruck von São Jorge: rau, grün und eigenwillig

São Jorge war für uns kei­ne ein­fa­che Insel, aber eine mit Charakter. Das Wetter blieb wech­sel­haft, die Wege waren oft kur­vig, und unse­re Unterkunft in Fajã dos Vimes wür­den wir rück­bli­ckend eher anders wäh­len.

In Erinnerung blei­ben vor allem die Küstenlandschaften: Topo, Ponta dos Rosais, Fajã dos Cubres und der Weg nach Santo Cristo. São Jorge wirkt weni­ger tou­ris­tisch, weni­ger glatt, manch­mal auch etwas sper­rig. Aber genau dar­in liegt ihr Reiz.

Es ist eine Insel für Reisende, die nicht nur schö­ne Aussichten suchen, son­dern auch mit Wind, Nebel und klei­nen Umwegen umge­hen kön­nen. Der Atlantik ist hier kein Hintergrundbild, son­dern spür­ba­re Gegenwart – spä­tes­tens, wenn man an einer Hafenmole kurz ver­gisst, wer hier das letz­te Wort hat.

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