Toskana Rundreise Sicht auf ein typisches Dorf in der Chianti

Chianti, Val d’Orcia, Maremma, Lucchesia – unsere individuelle Rundreise durch die Toskana

von | 25.05.2025 | Italien

Toskana mit Musse entdecken – Kultur, Landschaft und Genuss auf einer individuellen Rundreise

Wir neh­men uns Zeit für eine Reise durch die Toskana – bewusst, und genuss­voll. Unsere Route führt uns in vier cha­rak­ter­vol­le Regionen: durch die Weinlandschaft des Chianti Classico, ins wei­te, sanf­te Val d’Orcia, an die natur­be­las­se­ne Küste der Maremma und in die ruhi­ge Lucchesia rund um Lucca. Unterwegs erle­ben wir ita­lie­ni­sche Lebensart abseits des Trubels: stil­le Dörfer, gepfleg­te Biketouren, regio­na­le Küche und Unterkünfte mit Atmosphäre – nicht alle makel­los, aber stets mit Charakter. Ein Zwischenhalt in Parma macht den Auftakt – und am Ende bli­cken wir zurück auf eine Reise vol­ler Eindrücke und Einsichten.

Unterwegs ins Herz der Toskana

Ein Zwischenhalt in Parma

Unsere dies­jäh­ri­gen Frühlingsferien füh­ren uns nach Italien – genau­er: in die Toskana. Eine Region, über die viel geschwärmt wird. Viel gehört haben wir, viel gele­sen. Nun wol­len wir uns selbst ein Bild machen – unvor­ein­ge­nom­men, mit offe­nem Blick. Vier Orte haben wir dafür aus­ge­wählt: das Chianti-Classico-Gebiet bei Siena, die sanf­ten Hügel des Val d’Orcia im Süden, die wil­de Küste der Maremma rund um Castiglione del­la Pescaia und die Lucchesia im Norden, nahe bei Lucca.

Um die Reise ent­spannt zu begin­nen, legen wir einen Zwischenhalt in Parma ein. Das Grand Hotel de la Ville bie­tet Parkplätze – ein unschätz­ba­rer Vorteil – und liegt so, dass wir das Zentrum in rund fünf­zehn Minuten zu Fuss errei­chen. Für das Nachtessen haben wir einen Tisch in der Osteria dei Servi ergat­tert. Einer der letz­ten draus­sen – Glück gehabt. Pasta, Fleisch, ein Glas Wein – dazu die Stimmen um uns her­um, das Treiben auf der Gasse. Es ist unser ers­ter ita­lie­ni­scher Abend, und wir genies­sen ihn in vol­len Zügen.

Am nächs­ten Morgen bleibt noch etwas Zeit. Es ist Sonntag – Markttag. Wir schlen­dern durch die Altstadt, las­sen uns trei­ben, gön­nen uns einen Espresso in einem klei­nen Café. Parma wirkt leben­dig, aber nicht über­la­den – ein ange­neh­mer Auftakt zur Weiterreise.

Auf Nebenwegen Richtung Süden

Der Zwischenstopp in Parma hat­te nicht nur Charme, son­dern auch einen prak­ti­schen Nutzen: Wir müs­sen nicht die schnells­te Route neh­men, son­dern kön­nen land­schaft­lich schö­ne Strassen wäh­len. Zur Vorbereitung haben wir uns mit einer Strassenkarte aus­ge­rüs­tet – die Route pla­nen wir ana­log, füh­ren sie dann mit Google Maps aus.

Ab Bologna fol­gen wir der SS65, die uns durch den Apennin Tosco-Emiliano führt – eine deut­lich abwechs­lungs­rei­che­re Strecke als die wei­ten, eher mono­to­nen Ebenen der Emilia-Romagna. Die Landschaft wird kur­vi­ger, wald­rei­cher, ber­gi­ger. Der geo­gra­fi­sche Übergang in die Toskana erfolgt irgend­wo ober­halb von Florenz land­schaft­lich zunächst kaum wahr­nehm­bar. Erst nach Florenz, als wir Richtung Siena fah­ren, ändert sich das Bild. Die Landschaft öff­net sich, wird hel­ler, die Formen wei­cher. Es ist, als hät­te jemand den Vorhang zur Toskana gelüf­tet.

Im Herzen des Chianti

Wir fah­ren ent­lang der Chiantigiana, der SR 222 – eine Strasse, die das Chianti-Gebiet von Florenz bis Siena durch­quert. Bei Greve ver­las­sen wir die Hauptachse und wei­chen auf Nebenstrassen aus. Die Strecke wird ruhi­ger, aber nicht weni­ger ein­drucks­voll. Panorama reiht sich an Panorama: sanf­te Hügel, geo­me­trisch ange­leg­te Rebzeilen, silb­rig schim­mern­de Olivenhaine. Dazwischen tau­chen immer wie­der Dörfer auf, Weingüter und ver­ein­zel­te Burgen.

Die letz­ten Kilometer füh­ren uns über „stra­de bian­che“ – stau­bi­ge Schotterwege, typisch für die­se Gegend. Hier beginnt das Chianti, wie wir es uns vor­ge­stellt haben. Irgendwann errei­chen wir ein schmie­de­ei­ser­nes Tor. Wir klin­geln, es öff­net sich. Eine Allee aus Zypressen nimmt uns in Empfang. Der ers­te Eindruck? Mehr als viel­ver­spre­chend.

The Club House — ein Ort mit Atmosphäre

Das The Club House liegt im Süden des Chianti, etwa zwan­zig Fahrminuten nörd­lich von Siena – abge­schie­den, aber gut erreich­bar. Als das Hauptgebäude in Sicht kommt, huscht ein Grinsen über unse­re Gesichter. Die Fassade, das Licht, die Stille – all das wirkt wie eine Einladung zum Verweilen. Wir wer­den freund­lich emp­fan­gen und dür­fen bald dar­auf das Resort ent­de­cken.

Die Anlage ist weit­läu­fig, aber nicht über­la­den. Die Einrichtung geschmack­voll, der Service unauf­dring­lich auf­merk­sam. Wir neh­men Platz in der Lounge und gön­nen uns den ers­ten Apéro – mit Blick über Reben, Olivenbäume und eine Hügellandschaft, die sich wie gemalt vor uns aus­brei­tet.

Unser Zimmer liegt in einem der Nebengebäude. Kein Luxuspalast, aber ein gros­ser, schön gestal­te­ter Raum mit eige­nem Patio. Zwei Liegen, ein Tisch – und nichts als Ruhe und Vogelgezwitscher. Wir füh­len uns vom ers­ten Moment an wohl.

Blick auf das Hotel The Club House
Sicht auf ein Nebengebäude wo der Olivetta Raum liegt mit Sicht auf das Chianti Gebiet
Blick auf den Aussenpool des The Club House mit Aussicht auf das Chianti Gebiet

Biketour Vagliagli — Cignano

Nach einem fei­nen Frühstück auf der Terrasse des Hotels – kein Buffet, son­dern à la car­te – machen wir uns bereit für unse­re ers­te Biketour. Wir ver­las­sen das Resort und fol­gen schma­len Nebenstrassen und Feldwegen, die sich durch die Hügellandschaft zie­hen. Ziel sind die klei­nen Ortschaften Vagliagli und Cignano, bei­de still, char­mant und auf ihre Weise typisch für das länd­li­che Chianti.

Ein Teil der Strecke führt über die bekann­ten „stra­de bian­che“ – jene weis­sen Schotterpisten, die land­schaft­lich reiz­voll sind, fahr­tech­nisch aber ihre Tücken haben. Besonders, wenn uns Fahrzeuge begeg­nen: Der auf­ge­wir­bel­te Staub legt sich nicht nur auf die Strasse, son­dern auch auf uns. Kein Drama, aber auch kein Genuss. Zum Glück sind sol­che Passagen eher kurz.

Ausflug nach Siena

Am zwei­ten Tag unse­res Aufenthalts zeigt sich das Wetter von sei­ner zurück­hal­ten­de­ren Seite. Statt einer wei­te­ren Biketour ent­schei­den wir uns spon­tan für einen Ausflug nach Siena. Sicherheitshalber neh­men wir den Veloträger vom Wagen – die Parkplatzverhältnisse in ita­lie­ni­schen Städten sind meist nicht auf gross­zü­gi­ge Fahrzeugmasse aus­ge­legt. An der Rezeption emp­fiehlt man uns den Parcheggio San Francesco – ein guter Tipp, wie sich zeigt. Zwar müs­sen wir kurz war­ten, bis ein Platz frei wird, doch der Zugang zur Altstadt ist kom­for­ta­bel: Eine mehr­tei­li­ge Rolltreppe führt direkt hin­auf zur Basilica di San Francesco.

Von dort aus schlen­dern wir durch die Gassen der Stadt, vor­bei an klei­nen Geschäften und engen Strässchen, bis zum Duomo di Siena. Die Fassade wirkt ein­drucks­voll – weiss, fili­gran, reich geschmückt. Im Innern dage­gen über­rascht der Dom mit sei­ner Düsternis. Man spürt die Geschichte, aber auch die Spuren der Zeit. Eine behut­sa­me Auffrischung täte ihm gut. 

Eine löb­li­che Ausnahme bil­det die Biblioteca Piccolomini, die sich als eige­ner, lich­ter Raum an der Nordseite des Doms öff­net. Ihre Wände und das Tonnengewölbe sind über und über mit Fresken geschmückt – leuch­tend, erzäh­lend, fast über­bor­dend in ihrer Detailfülle.

Sicht auf die Fresken der  Biblioteca Piccolomini im Dom von Siena
Unser Rundgang führt uns wei­ter zum Piazza del Campo, umrahmt von his­to­ri­schen Gebäuden, Cafés und Restaurants. Der Platz gilt als einer der schöns­ten Europas – ein Urteil, das wir nicht ganz tei­len. Wir ent­de­cken das Chigian Art Café, ver­steckt in einem Innenhof – ein ruhi­ger Winkel, abseits des Trubels. Nichts Besonderes, aber genau rich­tig. Ein klei­ner Snack, ein Espresso, ein Moment zum Durchatmen.
Sicht auf die belebte Piazza del Campo in Siena

Siena? Kann man sehen – muss man aber nicht. Für uns bleibt es ein Ausflug ohne blei­ben­den Nachhall.

Biketour mit Hindernissen

Am drit­ten Tag heisst es Abschied neh­men – unse­re Reise führt wei­ter süd­wärts, nach San Casciano dei Bagni. Doch vor­her wol­len wir noch eine letz­te Biketour unter­neh­men, die wir bereits im Voraus geplant haben. Nach einem guten Frühstück – und einem tie­fen Seufzer ange­sichts der Aussicht – las­sen wir unser Gepäck beim Empfang und bre­chen auf.

Der Weg führt uns zunächst über die ver­trau­ten weis­sen Schotterstrassen, bis zur ers­ten Abzweigung – ein Weg, der zu einem Weingut füh­ren soll. Das Tor steht offen, wir fah­ren wei­ter. Doch am Ende der Strecke: ein geschlos­se­nes Eisentor. Umkehren. Es ist nicht das ers­te Mal, dass eine ver­meint­lich öffent­li­che Route plötz­lich im Nichts endet. Wir ken­nen das Spiel bereits.

Zurück auf der Strasse wird die Tour abwechs­lungs­rei­cher. Ein schma­ler Waldweg, ein Singletrail, führt uns durch ein klei­nes Tal. Komoot zeigt sich in die­ser Umgebung wenig zuver­läs­sig – wir ver­fah­ren uns, fin­den aber schliess­lich den Weg zurück. Dann, nach weni­gen Metern: ein eier­n­des Vorderrad. Platten. Und das Reparaturset? Liegt sicher ver­staut – in der Schweiz.

Wir bespre­chen die Optionen: Einer fährt zurück zum Hotel, oder wir rufen an. Die Verbindung ist lücken­haft, doch mit Unterstützung eines Einheimischen gelingt es uns, die Rezeption zu errei­chen. Per WhatsApp über­mit­teln wir unse­ren Standort. Es dau­ert, aber nach rund dreis­sig Minuten erscheint unser „Retter“ – ein Mitarbeiter des Resorts, mit dem haus­ei­ge­nen Shuttle. Zehn Minuten spä­ter sind wir zurück beim Hotel und holen mit dem Jeep unse­re Velos ab.

Zeit bleibt nicht mehr viel. Doch genug für ein letz­tes Mittagessen auf der Terrasse – noch ein­mal die­se Weite sehen, das Grün, das Licht. Wir wis­sen schon jetzt: Dieser Ort wird schwer zu über­tref­fen sein.

Val d’Orcia – die Toskana in ihrer Weite

Auf dem Weg zu unse­rer nächs­ten Unterkunft in San Casciano dei Bagni legen wir einen Zwischenstopp bei einem Fahrradmechaniker ein. Freundlich und unkom­pli­ziert repa­riert er den plat­ten Reifen und zeigt uns den Übeltäter – ein Dorn. Wir sind dank­bar für die­sen Service. Ein herz­li­ches Dankeschön an Chianti Bike Life.

Anschliessend führt uns die Route über klei­ne Nebenstrassen nach Montepulciano und wei­ter in die süd­li­che Toskana. Die Landschaft ver­än­dert sich: Von den bewal­de­ten Hügeln und Weinbergen des Chianti hin zu den offe­nen, sanft geschwun­ge­nen Feldern des Val d’Orcia. Jetzt im Frühling leuch­tet das jun­ge Getreide satt­grün, dazwi­schen füh­ren iko­ni­sche Zypressenalleen schnur­ge­ra­de auf ein­sa­me Landgüter zu – die klas­si­sche Toskana-Kulisse.

Entlang der SP 146 reiht sich ein Fotospot an den nächs­ten – und mit ihnen eine gan­ze Parade an Selfie-Posern. Möchtegern-Influencer stel­len sich in Szene, als wäre gera­de die­ses Bild noch nicht hun­dert­fach gepos­tet wor­den. Die Szenerie ist zwei­fel­los ein­drucks­voll – aber in ihrer Dauerverwertung auch ein wenig ent­zau­bert.

Hotel Fonteverde – nicht was wir erwartet haben

Das Fonteverde liegt etwas aus­ser­halb von San Casciano. Die Auffahrt wirkt impo­sant, doch der Glanz ver­gan­ge­ner Tage ist spür­bar. Das Hotel mit ange­schlos­se­ner Therme ent­spricht nicht unse­ren Erwartungen. Weder das Zimmer noch das Restaurant errei­chen das Niveau eines „Leading Hotels of the World“. Auch die Tatsache, dass Gäste zum Frühstück in Bademantel und Badehose erschei­nen, trägt nicht zu unse­rem Wohlbefinden bei. Unsere Erkenntnis: Bei künf­ti­gen Buchungen von Thermenhotels wer­den wir deut­lich kri­ti­scher sein.

Aussicht vom Hotel Fontverde auf die toskanische Landschaft

Biketour Castel Fighine

Für den heu­ti­gen Tag haben wir eine neue Tour geplant. Vom Hotel aus führt der Weg nach San Casciano dei Bagni, anschlies­send geht es auf der Naturstrasse steil berg­auf – hin­auf zum Castel Fighine, einem impo­san­ten, etwas ent­rück­ten Ort über den Hügeln. Oben ange­kom­men ent­de­cken wir das Ristorante Castello di Fighine – ein Gourmetlokal. Spontan reser­vie­ren wir einen Tisch fürs Abendessen.

Die Talfahrt bringt uns nach Piazze – mit dem Wissen im Hinterkopf, dass der Rückweg wie­der berg­auf füh­ren wird. Der Anstieg ist stel­len­wei­se for­dernd, aber ange­nehm schat­tig, denn er ver­läuft durch einen dich­ten Wald. Im lich­ten Unterholz plötz­lich Bewegung: eine Rotte Wildschweine. Der Eber grunzt uns laut und deut­lich an. Wir ver­ste­hen – und tre­ten zügig in die Pedale. Ein inten­si­ver Moment, der uns noch eine Weile beglei­tet.

Kurz dar­auf errei­chen wir San Casciano dei Bagni – und wer­den über­rascht: Die Piazza Matteotti bie­tet einen wun­der­ba­ren Blick über die sanf­te, weit gespann­te Hügellandschaft. Wir essen im Ristorante Daniela – der Ort, das Essen, die Stimmung – alles passt. Wir reser­vie­ren gleich für den nächs­ten Abend.
San Casciano del Bagni sicht auf die Piazza-Matteotti
Aussicht in die grüne hügelige toskanische Landschaft von der Piazza Mateotti in San Casciano del Bagni

Kulinarik im Castello di Fighine

Den Nachmittag las­sen wir ver­strei­chen – mit Lesen, Musik und dem Blick in die Weite. Am Abend machen wir uns auf den Weg zurück zum Castel Fighine. Das Ristorante Castello di Fighine, mit einem Michelin-Stern aus­ge­zeich­net, über­rascht posi­tiv: Neben den klas­si­schen Degustationsmenüs wird auch eine À‑la-carte-Option ange­bo­ten. Gut so – die Mehrgänger spren­gen längst unse­re Kapazitäten.

Auch mit drei Gängen, ergänzt durch klei­ne Grüsse aus der Küche, kom­men wir an unse­re Grenzen. Doch was ser­viert wird, ist in jeder Hinsicht über­zeu­gend: fein abge­stimmt, sorg­fäl­tig ange­rich­tet, geschmack­lich prä­zi­se. Der Service ist auf­merk­sam, ohne Attitüde – ele­gant, aber ent­spannt. Zwischendurch eine Küche auf die­sem Niveau zu erle­ben, das ist und bleibt etwas Besonderes.

Biketour zwischen Toskana, Umbrien und Latium

Ein wei­te­rer Biketag steht an – dies­mal führt uns die Route ins Grenzgebiet der Regionen Toskana, Umbrien und Latium. Die Strecke ist abwechs­lungs­reich: Schotter, Pfade, Abschnitte durch lich­ten Wald. Immer wie­der eröff­nen sich Blicke in die Ferne – die­ses Dreieck hat Charakter. In der Hoffnung auf eine Bar oder ein klei­nes Restaurant machen wir einen Abstecher nach Trevinano. Der Ort liegt schön – leicht erhöht, mit Aussicht. Doch gas­tro­no­misch: Fehlanzeige. Es gibt eine Osteria, die­se scheint aber seit gerau­mer Zeit geschlos­sen zu sein. Ob das dar­an liegt, dass Trevinano admi­nis­tra­tiv nicht mehr zur Toskana gehört? Auf dem Rückweg haben wir noch einen Feldweg ein­ge­plant – ein letz­ter Trail zum Abschluss. Doch nach der Hälfte wird es schwie­rig: tie­fe, ver­schlamm­te Fahrrinnen, zuge­wach­se­nes Buschwerk. Wir stei­gen ab, keh­ren um und neh­men die Strasse zurück zum Hotel.

Über den Monte Amiata in die Maremma

Ein Zwischenhalt in Radicofani

Unsere Fahrt zur drit­ten Destination in der Toskana, dem Hotel L’Andana bei Castiglione del­la Pescaia, führt uns quer durch die Region – von Osten nach Westen, durch wech­seln­de Landschaften. Über schö­ne Nebenstrassen errei­chen wir Radicofani, ein klei­nes, char­man­tes Dörfchen. Es ist kurz vor Mittag, und aus den Restaurants strö­men ein­la­den­de Düfte, die uns bei­na­he zum Bleiben ver­lei­ten. Doch wir sind noch nicht hung­rig und set­zen unse­ren Weg fort.

Sicht auf ein Restaurant Sitzplatz in Radicofani

Über den Monte Amiata

Die Strecke führt uns wei­ter in das Gebiet des Monte Amiata, einem erlo­sche­nen Vulkan und mit 1.738 Metern der höchs­te Berg der Region. Kurve um Kurve schlän­geln wir uns durch Kastanien- und Buchenwälder hin­auf, bis zur Talstation eines alten Sessellifts. In der Osteria 101, ein rus­ti­ka­les Haus, fin­den wir noch einen Tisch. Die Küche ist ein­fach, ehr­lich, gut: Brotsuppe & Pasta. Wir erfah­ren, dass der Sessellift bei Schnee noch immer in Betrieb ist – und dass das Gebiet ein Paradies für Wanderer, Biker und im Herbst für Kastanienliebhaber sei.

Ankunft im L’Andana

Nach zwei wei­te­ren Stunden Fahrt errei­chen wir unser Ziel: das L’Andana Resort bei Castiglione del­la Pescaia. Die schmie­de­ei­ser­nen Tore öff­nen sich, und eine Allee aus Zypressen und Pinien führt uns zum Haupthaus – eine Szenerie, die an die gros­sen tos­ka­ni­schen Landgüter ver­gan­ge­ner Zeiten erin­nert. Tatsächlich war das Anwesen einst die Sommerresidenz von Großherzog Leopold II. von Toskana.

Der Empfang ist herz­lich. Unser Zimmer liegt in einem Nebengebäude mit Terrasse – doch die Realität bleibt hin­ter dem ers­ten Eindruck zurück. Das Zimmer wirkt weni­ger frisch als erwar­tet, die Terrasse zwar gross­zü­gig, aber wenig gepflegt. Rote Sandmilben auf Liegen und Stühlen machen es uns unmög­lich, den Aussenbereich zu nut­zen. Das Frühstück in der Gartenanlage des Haupthauses bil­det die wohl­tu­en­de Ausnahme in einer sonst eher ernüch­tern­den Erfahrung.

Garten des L'Andana Hotel

Biketour: Naturschutzgebiet Diaccia Botrona & Castiglione della Pescaia

Am nächs­ten Tag zeigt sich das Wetter erneut freund­lich – ide­al für eine Biketour. Wir star­ten zu einer Rundfahrt, die uns zuerst ins nahe­ge­le­ge­ne Feuchtgebiet Diaccia Botrona führt. Die Landschaft ist flach, die Wege ange­nehm zu fah­ren. Entlang des Naturschutzgebiets beob­ach­ten wir Flamingos, wie sie durchs Wasser schrei­ten und nach Nahrung suchen. 

Von dort geht es wei­ter nach Castiglione del­la Pescaia, einem der bekann­tes­ten Badeorte der Toskana. Wir mei­nen uns zu erin­nern, hier vor vie­len Jahren mit der Familie ein­mal Herbstferien ver­bracht zu haben. Sicher ist: Das Zentrum mit der Burg hat sei­nen Charme bewahrt. Der Ort wirkt belebt, aber jetzt anfangs Mai nicht über­lau­fen. Im Skipper Beach Club bekom­men wir auch nach zwei Uhr noch einen Tisch. Wir bestel­len einen Teller mit frit­tier­tem Fisch – schlicht, knusp­rig, gut. Genau das, was wir jetzt brau­chen. Danach fah­ren wir auf Nebenwegen zurück zum Hotel.

Ausflug zur Halbinsel Monte Argentario

Es ist küh­ler gewor­den, der Wind deut­lich spür­bar – ide­al für eine Erkundungstour mit dem Auto. Unser Ziel: die Halbinsel Monte Argentario. Ausgehend von Porto Santo Stefano umrun­den wir die Halbinsel auf der Strada Panoramica. Die Strecke führt durch hüge­li­ges Gelände, immer wie­der öff­nen sich wei­te Blicke aufs Meer.

Ein rund vier Kilometer lan­ger Abschnitt im süd­li­chen Teil ist nicht asphal­tiert, besteht aus Schotter und ist eher etwas für gelän­de­taug­li­che Fahrzeuge. Aber ja – der Name der Strasse ist Programm. Das Meer leuch­tet in Türkis, die Küste zeigt sich wild und rau. Die bei­den Hauptorte Porto Santo Stefano und Porto Ercole las­sen wir aus Zeitgründen aus.

Monte Argentario Strada Panoramica, sicht auf die wilde grüne Natur und das türkisfarbene Meer

Auf dem Rückweg machen wir Halt in Talamone, einem klei­nen Küstenort am süd­li­chen Rand des Maremma-Naturparks. Direkt am Hafen fin­den wir eine Bar, trin­ken etwas und spa­zie­ren anschlies­send durchs Dörfchen. Kein Ort für gros­se Worte – aber nett.

Villa Casanova – ein stilvoller Abschluss in der Lucchesia

Unsere vier­te und letz­te Etappe führt uns in die Lucchesia. Die Bezeichnung lei­tet sich direkt von der Stadt Lucca ab und umfasst das länd­li­che Umland, das sich zwi­schen den Apuanischen Alpen und dem Tyrrhenischen Meer aus­brei­tet.

Die SS439 bringt uns über Pomarance und Pisa – von wei­tem erken­nen wir den schie­fen Turm – zur klei­nen Ortschaft Balbano. Kaum zu glau­ben, dass nur weni­ge Kilometer von der Autobahn ent­fernt stil­le Ortschaften im Grünen lie­gen.

Ganz hin­ten im Tal erhebt sich die Villa Casanova, ein klei­nes Hotel mit nur 14 Zimmern. Unser Zimmer ist fast ein Apartment: gross­zü­gig, licht­durch­flu­tet, mit hohen Decken und einem abge­trenn­ten Sitzbereich. Wir füh­len uns sofort wohl. Die Crew ist sehr nett, und wir genies­sen bei küh­len Temperaturen ein tol­les Nachtessen im Aussenbereich. Wir sind erleich­tert, dass wir am Ende doch noch eine zwei­te gute Hotelerfahrung machen kön­nen.

Sicht auf das Haupthaus der Villa Casanova
Aussicht auf das grüne Land

Ausflug an die Küste

Am nächs­ten Morgen reg­net es, und die Temperaturen sind spür­bar gefal­len. Gut, dass wir ein schö­nes Hotelzimmer haben – so fällt uns die Decke nicht auf den Kopf. Am Nachmittag wagen wir einen Ausflug Richtung Küste, unter­halb von Viareggio. Wir spa­zie­ren ein Stück dem Strand ent­lang. Ein bag­no nach dem ande­ren reiht sich an der Küste, ein Traktor pflügt den Sand um – der Abfall wird dabei gleich mit ein­ge­gra­ben. Vieles wirkt bemüht gepflegt, aber wenig ein­la­dend.

Wir fah­ren wei­ter nach Forte dei Marmi. Dort par­ken wir und suchen ein Restaurant mit Blick aufs Meer – ver­geb­lich. Die meis­ten Lokale, die zu den bag­ni gehö­ren, sind wet­ter­be­dingt geschlos­sen. Zudem sind gros­se Teile des Strandes mit Sichtschutz abge­schirmt – von der Flaniermeile aus ist vom Meer nichts zu sehen. Der Zugang wirkt regle­men­tiert, fast aus­ge­schlos­sen. Wir ver­las­sen die­se für uns uner­freu­li­che Umgebung. In Zukunft, so neh­men wir uns vor, wer­den wir Badeorte mit flä­chen­de­cken­der bagno-Vorherrschaft kon­se­quent mei­den.

Zurück in der Villa Casanova erfah­ren wir, das der Koch ist erkrankt, ein Abendessen im Hotel ist daher nicht mög­lich. Uns wer­den zwei Restaurants in der Nähe emp­foh­len – das Il Borghetto del Castello und die Osteria Le Terme. Beide erwei­sen sich als ange­neh­me Überraschungen: unprä­ten­ti­ös, gut besucht von Einheimischen, mit ehr­li­cher Küche. Die Qualität, die Italien abseits der tou­ris­ti­schen Zentren bie­tet, über­rascht uns immer wie­der – im bes­ten Sinne.

Lucca zum Abschied

Am letz­ten Tag unse­rer Toskanarundreise besu­chen wir Lucca. Wir par­ken im Parcheggio Palatucci, nur weni­ge Gehminuten von der Altstadt ent­fernt. Hinter den gut erhal­te­nen Stadtmauern ver­birgt sich ein schö­ner, kom­pak­ter Stadtkern mit his­to­ri­schen Gebäuden, Kirchen, klei­nen Läden, Restaurants und Cafés – char­mant, aber unauf­ge­regt.

Wir spa­zie­ren ein Stück auf der brei­ten Stadtmauer, schlen­dern dann durch die Gassen und gelan­gen zur Piazza dell’Anfiteatro. Ihre ova­le Form erin­nert noch heu­te an das römi­sche Erbe. Dort ent­de­cken wir das L’Angolo Tondo – ein Restaurant mit über­ra­schend guter Küche und Service. Gerade an so stark fre­quen­tier­ten Touristen-Orten ist das sel­ten – umso schö­ner, wenn es gelingt.

Sicht auf die Piazza dell’Anfiteatro in Lucca, mit Restaurants im Zentrum
Eine Gasse mit Bar in Lucca
Piazza mit Büste von Puccini

Wer es etwas gelas­se­ner mag als in Florenz, Rom oder Venedig, wird in Lucca das rich­ti­ge Tempo fin­den. Bevor wir auf­bre­chen, decken wir uns in eini­gen Spezialitätenläden noch mit Gebäck, Olivenöl und Pasta ein. So schliesst sich unse­re Reise – und ein Stück Toskana reist mit uns zurück.

Fazit unserer Toskanarundreise: viermal anders

Unsere Rundreise durch die Toskana hat uns vier sehr unter­schied­li­che Regionen näher­ge­bracht – jede mit eige­nem Charakter.

Im Chianti fan­den wir einen idea­len Einstieg: eine land­schaft­lich reiz­vol­le Gegend, ein über­zeu­gen­des Hotel und die ers­te Biketour, die uns durch klei­ne Ortschaften und über typi­sche Schotterstrassen führ­te. Es war genau das, was wir uns von die­ser Reise erhofft hat­ten.

Das Val d’Orcia zeig­te sich offen, weit und in sei­ner klas­si­schen Form fast schon kli­schee­haft schön. Gleichzeitig muss­ten wir hier unse­re ent­täu­schends­te Hotelerfahrung machen. Positiv in Erinnerung blei­ben die abwechs­lungs­rei­chen Biketouren sowie die Piazza Matteotti in San Casciano del Bagni.

Die Maremma hin­ter­liess ein gemisch­tes Bild. Die Strecke über den Monte Amiata war land­schaft­lich ein­drucks­voll, das Hotel L’Andana hin­ge­gen blieb hin­ter unse­ren Erwartungen zurück. Die Region punk­te­te mit span­nen­den Ausflügen – etwa ins Feuchtgebiet Diaccia Botrona oder ent­lang der Küste von Monte Argentario.

In der Lucchesia, unse­rer letz­ten Station, fan­den wir einen ver­söhn­li­chen Abschluss. Die Villa Casanova war in jeder Hinsicht eine erfreu­li­che Erfahrung – ein schö­nes, ruhi­ges Hotel mit auf­merk­sa­mem Service. Der Besuch von Lucca bil­de­te einen stim­mi­gen Schlusspunkt: his­to­risch, gepflegt, ange­nehm über­schau­bar. Gar nicht gefal­len haben uns dage­gen die stark kom­mer­zia­li­sier­ten Strandabschnitte bei Viareggio und Forte dei Marmi. Der Zugang zum Meer war weit­ge­hend ein­ge­schränkt, die Atmosphäre wenig ein­la­dend – für uns kein Ziel mit Wiederholungsfaktor.

Die Biketouren waren ein zen­tra­les Element die­ser Reise – sie haben uns Landschaften näher­ge­bracht, die man im Auto kaum wahr­nimmt, und uns immer wie­der mit klei­nen Entdeckungen belohnt. Die Toskana hat sich uns nicht als makel­lo­ses Postkartenbild prä­sen­tiert, son­dern als viel­sei­ti­ge Region mit Ecken, Reizen und Widersprüchen. 

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